Regenbogen

Buch: Würde (Gerald Hüther, 2018)

Im letzten Jahr habe ich von Gerald Hüther “Die Macht der inneren Bilder” (2004) gelesen. Dabei wurde bereits eins seiner folgenden Bücher unter dem Titel “Würde: Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft” angekündigt, das jetzt Anfang 2018 erschienen ist. Würde ist zwar in Artikel 1 unseres Grundgesetzes die Grundlage unseres Zusammenlebens, aller Rechtsvorschriften und Kern von Stadt- und Raumplanung. Ihr Inhalt bleibt aber abstrakt. Kann man würdevoll handeln – oder wie? Können Räume selbst würdevoll sein – oder wie können sie in einem würdevollen Prozess gestaltet werden? Was könnten Gedanken eines Hirnforschers über Würde für Planer*innen bedeuten?

Das Buch beginnt bereits mit einem klaren Statement: “Verletzt nicht jeder, der die Würde eines anderen Menschen verletzt, in Wirklichkeit seine eigene Würde?” (Vorspann). Damit wird der rote Faden durch das Buch bereits deutlich: es ist ein klarer Aufruf dazu, den Würdebegriff auch auf sich selbst zu beziehen. Das Buch entwickelt daraus eine positive Vorstellung davon, wie das Zusammenleben in unserer Gesellschaft besser funktionieren kann, wenn sich mehr einzelne Menschen ihrer eigenen Würde bewusst werden.

Hüther setzt dabei Würde in engen Bezug zum eigenen Gefühl, dass er Effizienzdenken, Erfolgsstreben, Geld und Macht entgegen stellt (S. 11). Würde ist in weiten Teilen gleichbedeutend mit einem inneren Kompass, den jeder Mensch besitzt und nie verliert, der aber heute bei zu vielen seine Orientierung verloren hat (S. 18f.). Würde ist damit etwas, was in jedem bereits vorhanden ist, was aber entdeckt und erforscht werden muss. Aus seiner neurobiologischen Perspektive aktiviert ein so entstehendes Verständnis von Würde die emotionalen Bereiche unseres Gehirns und bietet innere Bilder für eine neue Orientierung.

Durch das Buch zieht sich das Argument, dass wir uns alle unserer individuellen Würde bewusst werden müssen – anders gesagt: die Verantwortung für unsere Würde liegt bei uns, es ist unter unserer Würde, sie abzugeben. Hüther geht von der Kernthese aus: “Wer sich seiner eigenen Würde bewusst wird, ist nicht mehr verführbar.” (S. 21). Er beginnt dabei mit persönlichen Erfahrungen zur Schönheit der Natur und seiner eigenen Kindheit, zu der er auch am Ende wieder zurück kommt. Gerade weil Tiere keine Vorstellung ihrer eigenen Würde entwickeln, erscheinen sie für uns würdevoll (S. 177). Sie können andere nicht zu Objekten ihrer Wünsche machen.

In Aachen

In Aachen

Aus seinen Überlegungen zieht er zunächst negative Schlussfolgerungen: “Konsumenten, die wir sind, kommen wir kaum noch zu uns, weil andere längst da sind, um uns abzufüllen. […] Für alles ist ein Wort. Und für nichts mehr Zeit. Wir sind zu Gefangenen geworden von Annahme und Vorurteil, Bewertung und Absicht.” (S. 37). An vielen Stellen spricht er sich für Vertrauen aus, für ein emotionales Miteinander, für eine positive Sicht auf andere Menschen, die Natur und unser Zusammenleben. Und stellt immer wieder in den Vordergrund, dass wir es selbst sind, die uns selbst gestalten können und es damit in der Hand haben, uns gemeinsam zu entwickeln. Innere Berührung, die Veränderung auslöst, ist für Hüther ein Widerspruch zwischen eigenem Handeln und Selbstverständnis einer fühlenden Person, die sich dadurch ihrer Würde bewusst werden kann (S. 44f.). Auch Scheitern eröffnet für ihn ein Fenster zur Veränderung des Selbstbilds und einer Neuorientierung (S. 81). Ein Aspekt, den er nur an einer Stelle streift und sonst eher vermeidet.

Viel wichtiger für ihn ist aber die Begegnung mit anderen Menschen als Kraft für positive Veränderung. Oder, in den Worten Hüthers: “Wir kommen zwar als Menschen zur Welt, aber wir brauchen andere Menschen, um zu dem werden zu können, was uns als Menschen ausmacht” (S. 110). Er verweist dazu mehrfach auf die Besonderheit der Plastizität unseres Gehirns und unserer lebenslangen Lernfähigkeit. Darin sieht er die positive Kraft, dass eine Veränderung immer möglich ist und es nie ‘zu spät’ ist, sich auf den Weg zu machen. Dazu greift er auf frühkindliche Entwicklungen zurück und in Kindern verankerte Vorstellungen, dass ‘irgendetwas nicht stimmt’ (S. 112). Für ihn haben bereits Kinder eine gute Vorstellung davon, wenn es anders ist, als es sein sollte – “als ein sehr zartes und das gesamte Kind durchströmendes Gefühl” (S. 114). Dementsprechend sind die wichtigsten Grunderfahrungen engste Verbundenheit und die Erfahrung des eigenen Wachstums. Dazu können Kinder nicht erzogen werden, sie können dazu nur unterstützt werden, sie können Raum und Vertrauen bekommen. Denn: Potenziale und Würde sind in jedem selbst bereits vorhanden.

Einen Unterschied macht Hüther an allen Stellen darin, jemanden zum Objekt zu machen. Wer das macht, verletzt damit auch seine eigene Würde. Er meint damit, dass jemand “benutzt und zum Objekt von deren Absichten und Zielen, Erwartungen und Bewertungen, Belehrungen und Unterweisungen oder gar Maßnahmen und Anordnungen gemacht wird” (S. 123). Wer sich seiner Würde bewusst ist, braucht laut Hüther keine Ersatzbefriedigung, ist nicht verführbar beispielsweise durch Konsum. Als Beispiel nennt er Banker/Vorstandsvorsitzende, die für einen Gewinn ihres Unternehmens ihre eigene Würde verletzten würden – dabei aber trotzdem ein ungutes Gefühl haben, das sie dann unterdrücken. Gleiches stellt er bei Kindern fest, denen positive Erfahrungen fehlen und keine Gelegenheit bekommen haben, ihre echten Potenziale zu entfalten, die sich passiv den Vorstellungen anderer unterordnen, die sie zu Objekten machen (z. B. S. 126). 

Wer wichtig und bedeutsam sein will, ist für Hüther jemand, der sich selbst für nicht bedeutsam hält und der sich deshalb seiner eigenen Würde bewusst werden muss. Aus der gleichen Richtung kritisiert er auch den Trend zur ‘Elite’ im Bildungssystem, bei dem es seiner Meinung nach gar nicht um Bildung geht, weil Menschen dazu entwickelt werden, andere Menschen “als Objekte zur Verfolgung ihres Anliegens der nackten Gewinnmaximierung zu benutzen” (S. 149). Für ihn braucht es demgegenüber Muße, günstige Erfahrungen, Zusammenhalt und Vertrauen, um sich selbst entwickeln zu können. Ein Potenzial, dass er gleichermaßen in jedem verankert sieht und zu dem man nur einladen, ermutigen und inspirieren kann.

In Erfurt

In Erfurt

In einem Teil (insbesondere ab S. 49) liefert er eine Reihe naturwissenschaftlicher, historischer und physikalischer Verknüpfungen seiner Aussagen, die allerdings wenig Tiefe erreichen. Es reicht zur Unterstützung des Arguments, wirkt an einigen Stellen aber auch etwas zu weit ausgeholt für das ansonsten sehr auffordernde und persönliche Buch. Inwieweit Würde tatsächlich ein verloren gegangenes Ordnungsprinzip ersetzen kann (S. 67), bleibt der Interpretation überlassen. Würde ist zwar “der in einem Begriff fassbare und bewusst erkennbare Ausdruck einer uns Menschen eigenen, in der inneren Organisation und Arbeitsweise unseres Gehirns verankerten Anlage” (S. 87). Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass wir uns einfacher unserer Würde entsprechend verhalten können, als Würde in Worten oder anderen Zeichen auszudrücken und festzulegen.

Menschen, die ihre Würde entdeckt haben, sind laut Hüther oft “sonderbare Leute, die nicht so recht in unsere Welt zu passen scheinen” (S. 136). Und doch stellt er eindrücklich da, dass es Leute sind, die wir sofort als solche erkennen, die eine positive Ausstrahlung haben, und die andere Menschen als Menschen – als Subjekte statt als Objekte – annehmen. Wir ‘sehen’ das Gefühl von Kohärenz eines solchen Menschen laut Hüther quasi. Daraus gründet sich wiederum, dass jeder Mensch nur seine eigene Würde verletzten kann und das tut, wenn er andere Menschen nicht zum Objekt macht. Zuletzt ruft Hüther auch die zurückhaltenden, sich ihrer Würde bewussten, Menschen auf, stärker nach außen zu treten und das Feld nicht denen zu überlassen, die laut sind für die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen (S. 159). Er bleibt vage, wie genau das gehen kann, ohne wiederum die eigene Würde zu verletzten. Es bleibt offensichtlich eine schwierige Gratwanderung.

Dementsprechend stärkt er zum Ende nochmal das Veränderungspotenzial in uns allen: “Wir können als Menschen nicht leben, ohne uns selbst (und nicht nur die von uns erfundenen Technologien) weiterzuentwickeln” (S. 169). Leben ist für ihn also ein ständiger geistiger Wachstumsprozess, in dem wir in Verbundenheit mit anderen gemeinsam positive Erfahrungen machen und lernen. Fast schon zu schön, um wahr zu sein. Zumal er den Prozess für etwas hält, was dauerhaft nicht aufzuhalten ist. Er schließt das letzte Kapitel mit einem Appell an unsere Fähigkeit, uns jederzeit selbst zu verändern. Und ruft dazu auf, andere Personen dazu einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren.

Botschaften in Erfurt

Botschaften in Erfurt

Was könnte das für Stadt- und Raumplanung bedeuten? Schwierig zu sagen, denn: jeder Mensch hat seine eigene Würde. Aber alle Planer*innen sind sicher in gleicher Weise aufgerufen, sich über ihre Würde und ihren Umgang mit anderen Menschen bewusster zu werden. Und in dem Buch steckt die doppelte positive Botschaft, dass Veränderung zu jeder Zeit möglich ist und dass sie im Kleinen, bei uns selbst, anfängt. Damit können sich auch Planer*innen jederzeit fragen, ob sie andere zu Objekten (ihrer Vorstellungen, bestimmter Interessen, …) machen, oder sie als Subjekte wahrnehmen, in emotionalen Prozessen gemeinsam arbeiten und Zusammenhang statt Spaltung in den Vordergrund stellen. Dazu würde Hüther an positive Potenziale glauben. Der Gedankengang Hüthers führt bei mir nicht zu einer klaren Vorstellung davon, wie ‘harte’ Entscheidungen getroffen werden können. Sicher ist es so, dass seine Vorstellung von Würde nicht Willkür bedeutet und dass andere Menschen als Subjekte zu behandeln eben auch nicht heißt, dass sie alles machen dürfen. Dann würden sie im Zirkelschluss wiederum ihre Würde missachten. Vielleicht ist dementsprechend die stärkste Botschaft das Gemeinsame: mehr Verständnis und Verständigung in beide Richtungen, z. B. von Planer*innen zu Bürger*innen und umgekehrt. Denn Planer*innen sind auch nur Menschen.

Das Buch liest sich sehr flüssig und ist ein gut ausformuliertes Kontrastprogramm zu rein negativen Vorstellungen menschlicher Zukunft. Der Begriff Würde selbst wird nicht in besonderer Tiefe erfasst oder ausgearbeitet und birgt sicher auch Verwechslungsgefahr, weil er sich eben gerade auf jeden Menschen selbst bezieht und damit abweicht von den Vorstellungen in Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Die wissenschaftliche Grundlage ist beschränkt und Hüther selbst stellt fest, dass es ein sehr persönliches Buch ist, er auf alle Quellenverweise verzichtet und sich die Erkenntnisse auf sein langes (wissenschaftliches) Leben beziehen. Neue Erkenntnisse bietet das Buch nicht viele, gerade auch im Hinblick auf Hüthers vorhergehende Bücher.

Der größte Wert des Buchs ist sicher eine klare Schilderung gedanklicher, emotionaler und gemeinsamer Prozesse und seine Grundlage zur Veränderung des eigenen Denkens und Handelns auf Basis dieser tiefen Empfindungen – hin zur eigenen Würde. Wer sich selbst darüber wenige Gedanken machen möchte, wird in dem Buch auch wenig finden. Wer ein Buch gerne als Grundlage für eigenes Denken, eigene Assoziationen und veränderte Gedanken liest, wird sicher fündig.

Buch

Würde (G. Hüther, 2018)

Würde (G. Hüther, 2018)

Hüther, Gerald (2018): Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft. Unter Mitarbeit von Uli Hauser. München: Knaus.

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