Buch: Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit (Hans-Otto Thomashoff, 2014)

Glück ist derzeit in vielen Büchern und Ratgebern allgegenwärtig. Meist ist es kurzfristig, mit bestimmten Erlebnissen und Ereignissen verbunden und nicht einfach reproduzierbar. Auch im IdeenLabor Postwachstumsgesellschaft fragen wir danach, was Menschen in einer Stadt glücklich macht – und nicht nur danach, was ihre (materiellen) Interessen sind. Was Glück genau ist, wie man es erreichen und erkennen (und möglicherweise vergleichen) kann, ist aber keine einfache Frage mehr.

Der Titel von Hans-Otto Thomashoff “Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit: Eine spannende reise in die Welt von Gehirn und Psyche” legt nahe, dass er sich auf die Suche nach Glück macht und Erfahrungen schildert. Grund genug, einen Blick zu wagen und die Reise zu verfolgen. Zu Beginn wird klar: die Reise ist für Thomashoff bereits abgeschlossen. Im ersten Absatz schildert er “Nicht Glück macht glücklich, sondern Zufriedenheit. Zufriedenheit ist das eigentliche Glück” (S. 9, Hervorhebung im Original). Dementsprechend widmet er dann die acht Kapitel des Buches der Herleitung und Erklärung.

In allen Kapiteln verbindet er biologische mit psychischen Prozessen. ‘Nahrung’ für uns sind in dieser Sicht sowohl Nahrungsmittel wie auch (emotionale) Beziehungen – und er stuft beide als elementar für ein zufriedenes Leben ein. Unser Gehirn braucht Beziehungen zu anderen Menschen – in der Kindheit, aber auch danach unser gesamtes Leben lang (S. 22). Wir können in unterschiedlichen Rollen handeln (S. 47), erschaffen uns erst im Gehirn ein eigenes Bild der äußeren Welt (S. 50, 115), unterscheiden dort prinzipiell gar nicht nach Realität und Fiktion (S. 53) und bauen unsere Existenz auf einem “Grundgefühl von absoluter Geborgenheit, ohne Angst, ohne Hunger, Durst oder Kälte, von friedvoller Ruhe in universeller Einheit mit der Welt” (S. 68) auf. Daraus entsteht eine doppelte Sehnsucht nach Beziehung und Bindung auf der einen Seite und Wirkmächtigkeit, Unabhängigkeit und Eigenverantwortung auf der anderen Seite. Wir wollen neugierig ausbrechen, aber auch immer wieder zurückkehren können.

Vielfach greift Thomashoff zurück auf Entwicklungen, die bereits vor der Geburt stattfinden und auf die frühe Kindheit. In beiden Phasen finden – so seine Ausführung – die für das Gehirn prägendsten Entwicklungen statt, die unser ganzes Leben intensiv beeinflussen. So sind Erlebnisse vor der Geburt bereits tief gespeichert, ohne dass sie einen bildhaften Charakter haben oder uns bewusst aufgerufen werden können (S. 172).

Fast durchgehend knüpft er Entwicklungen an Hormone und physische oder neuronale Vorgänge. Cortisol, Oxytocian, Serotonin und Spiegelzellen sind entscheidende Begriffe für die gesamte Reise. So verbindet er das biologische und das soziale Wesen Mensch zu einer untrennbaren Einheit (S. 83). Unser Gehirn und unsere Psyche unterliegen einer Selbstverstärkungstendenz (S. 109), womit er viele psychische Probleme erklärt und warum es so schwer ist, aus bestehenden Routinen auszubrechen oder vermeintlich sinnvolle Veränderungen auch tatsächlich umzusetzen. Er lässt aber offen, welche Möglichkeiten wir haben, unser ‘Wachstumsstreben’ auszuleben. Es muss nicht die Wirtschaft sein (S. 109). Spiegelzellen, mit denen wir gedanklich vollständig die Erlebnisse anderer teilen, führen zur Verdopplung von Freude – wenn sich beide darauf einlassen (S. 112). Auf der anderen Seite erklärt er negative Prozesse, die sich über Generationen fortsetzen und weitergegeben werden (S. 123f.). “Handeln und Verstehen der Handlung sind in den Spiegelzellen ein und dasselbe” (S. 163).

Lust führt für Thomashoff zu Glück – bis hin zu Flow-Erlebnissen als Situationen, wo sich “Lust offenbar lustvoll verselbstständigen [kann]” (S. 131). Wir sollten etwas suchen, dass “genau dieses Eintauchen ermöglicht, in der Sie sich so vergessen und verlieren können wie ein Kind beim konzentrierten Spielen” (S. 256). Wir brauchen für ihn viele Glückserlebnisse, aber das Hinterherrennen hinter ‘Glückskicks’ bringe keine Zufriedenheit (S. 135). Und das größte Erlebnis ist, anderen Lust zu bereiten (S. 149). Dazu zieht er intensive Vergleiche zwischen Sex, Orgasmen und Meditation (S. 191ff.) – als ekstatisches Verschmelzen und Wiederherstellung des Grundgefühls von Einheit.

Zufriedenheit ist der Zustand eines erfüllten Lebens, in der die Grundbedürfnisse der Psyche erfüllt sind – im Spannungsfeld zwischen Beziehung und Bewirken (S. 116f.). Zudem gilt für Thomashoff “Ein gesunder Geist fördert die Gesundheit des Körpers” (S. 176). Das ‘Schmiermittel’ für das Lernen für und im Leben sind dabei Emotionen (S. 199). Intuition nimmt eine entscheidende Rolle ein – Konflikte zwischen Intuition und rationaler Entscheidungsfindung hingegen machen unzufrieden (S. 230f.). Das “Hin und Her zwischen Sicherheit und Neugier” (S. 250) kann dabei sehr unterschiedlich gelöst werden und universelle Antworten sind unmöglich.

Das Ende des Buchs geht über uns als biologische Wesen hinaus. Der vorletzte Absatz beginnt mit “Wir schaffen uns selbst als biologische Wesen ab” (S. 275). Ein Statement, das aus dem vorhergehenden Buch nur teilweise passend erscheint. Wenn wir eigentlich untrennbar verbunden sind als biologisches und psychisches Wesen – wie kann diese Gefahr überhaupt bestehen? Sind wir es dann überhaupt noch selbst?

Utopia? – in Lissabon

Am Ende bleibt, dass das Buch sich sehr gut lesen lässt – auch in kleinen Dosen. Das zentrale Argument wird immer wieder hervorgehoben und umformuliert. Dabei wirken einige Passagen als reine erneute Selbstvergewisserung, ohne viel neue Impulse beizutragen. Unterlegt wird das Buch mit vielen medizinischen Studien, die passend sind, aber etwas kursorisch eingefügt wirken. Mit meinem Wissen kann ich nicht beurteilen, inwieweit die Grundargumentation für Psychologen, Neurologen, Psychoanalytiker oder andere Mediziner haltbar ist. Das Buch stellt keine alternativen Deutungen zur Wahl und keine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Position. Ein bisschen zu viel Ratgeber, ein bisschen zu wenig Reise? Könnte sein, aber spannend ist das Buch auf jeden Fall trotzdem. Es schneidet sehr viele Themen an, in denen ich mich nicht ‘zu Hause’ fühle, geht aber damit auch nicht in die Tiefe.

Ob dazu alle Verbindungen zu Hormonen und biologischen Prozessen im Gehirn notwendig sind, ist schwer zu sagen. Der Wunsch, Biologie und Psyche zusammenzubringen, ist sehr gut nachvollziehbar. Vielleicht ist es aber auch gar nicht schlimm für ein glückliches und zufriedenes Leben, wenn ein unerklärter Teil übrig bleibt, in dem sich das wirklich Besondere (zwischen-)menschlicher Existenz verorten lässt? Meine Vermutung ist, dass es eine selektive Sichtweise ist, die sich als Narrativ sehr gut nachvollziehen lässt, aber nicht zwingend den Kern medizinisch-wissenschaftlicher Forschung trifft. Das ist dann auch die Stärke des Buchs: es regt in jedem Kapitel wieder neu dazu an, über einen Aspekt des eigenen Lebens nachzudenken. Wenn man das Buch (auch) als Ratgeber verstehen möchte, sollte der Rat im eigenen Kopf, den eigenen Gefühlen und den eigenen Verbindungen im Gehirn entstehen. Das wäre sicher im Sinne des Autors – und die letzten Buchseiten könnten dafür übersprungen werden. 

In der Planungstheorie gibt es interessante Parallelen zu psychoanalystischen Ansätzen in der poststrukturalistischen Planungstheorie, insbesondere die auf Lacan basierenden Arbeiten von Michael Gunder. Das weiter auszuführen, sprengt hier den Rahmen…

Buch:

 

Hans-Otto Thomashoff (2014): Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit: Eine spannende Reise in die Welt von Gehirn und Psyche. Ariston.

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