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IdeenLabor Postwachstumsgesellschaft

IdeenLabor Postwachstumsgesellschaft – Räume, Akteure, Prozesse

Postwachstumsgesellschaft – Was macht die Menschen einer Stadt glücklich? Wer hat die Macht in einer Stadt? Wie können unterschiedliche Entwicklungen über räumliche, institutionelle und mentale Grenzen hinweg ausgeglichen werden?

Die Postwachstumsgesellschaft, die das Wohlbefinden aller Menschen in das Zentrum rückt, wird heute schon erprobt und gelebt. Wo sind ihre Räume? Wer sind ihre Akteure? Was sind ihre Prozesse? Inwiefern unterstützen oder behindern herkömmliche Planungsinstrumente, -verfahren, -methoden und -leitbilder eine Transformation zur für Alle lebenswerten Postwachstumsgesellschaft? Eine Grundlage ist dafür auch die Diskussion alternativer Bewertungsmaßstäbe (Happiness-Index, Ressourcenansätze), von Governance-Formen und Umverteilungsansätzen (Urban Commons, Reallabore, Sharing-Economy) sowie sozial-räumlicher Gerechtigkeits- und Ordnungsvorstellungen und deren politischer Aushandlung und Legitimation.

Eine Vielzahl an Fragen hierzu wurde bisher noch unzureichend in der räumlichen Planung gesammelt, diskutiert und bearbeitet. Gemeinsam mit allen Anwesenden wollen wir – Christian Lamker, Nadine Mägdefrau und Viola Schulze Dieckhoff – erste Antworten sortieren, Fragen sammeln und Ansatzpunkte für zukünftige Aktivitäten entwickeln.

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Online-Beteiligung und Diskussionen

Noch vor wenigen Jahren galt das Internet als Allheilmittel, wenn es darum geht, viele Menschen zu erreichen. Und fast noch mehr, wenn es darum geht, viele Menschen auch aktiv an Diskussionen zu beteiligen. Dabei sollte es um politische Themen und Diskussionen ebenso gehen wie um konkrete Planungs- und Bauvorhaben, um kleine Aufgaben vor Ort bis zu Themen von nationaler und internationaler Tragweite.

Heute zeigen sich aber immer mehr die Grenzen des Internets als Diskussions- und Beteiligungsplattform. Während Wikipedia mindestens nach außen gut funktioniert und das auch für eine Vielzahl anderer Plattformen gilt, so stehen daneben auch fast überall offensichtliche Schwierigkeiten mit einer bestimmten Nutzergruppe. Diese kann noch harmlos als DAU (Dümmster Anzunehmender User), Super-DAU oder Troll bezeichnet werden. Oder auch mit weiteren eher beleidigenden Begriffen wie Querulant. Ihnen gemein ist, dass die Teilnahme an Diskussionen und Kommentaren bei weitem nicht so gleichmäßig und demokratisch ist, wie es nach außen verkündet wird. Theoretisch mitmachen kann jeder. Wie in der realen Welt übernimmt aber eine bestimmte Gruppe schnell die Meinungsführerschaft und drängt andere an den Rand der Diskussion.

Wohin soll die Reise gehen? (in Dar es Salaam)

Das Thema wurde beispielsweise in der letzten Zeit aktiv thematisiert von Markus Beckedahl (Artikel “Argumentiert, pöbelt nicht herum” in DIE ZEIT v. 31.08.2012, S. 13) oder von Kai Biermann (Artikel “Wie viel Freiheit brauchen Kommentare?” in ZEIT ONLINE v. 24.08.2012, http://www.zeit.de/digital/internet/2012-08/netzpolitik-kommentare).

Ich habe selbst knapp 10 Jahre lang (bis 2010) die Diskussionsplattform DigitalFotoNetz.de mit ca. 9.000 Mitgliedern zur digitalen Fotografie betrieben und kenne alle beschriebenen Phänomene sehr gut. Das Thema Fotografie polarisiert zwar erst einmal weniger als Politik, aber auch da artet Technik schnell in Glaubenskämpfe aus, wird schemenhaft und stammtischartig diskutiert und werden von einigen aktuelle politische Themen sehr polemisch hervorgebracht und bis an die Grenze des rechtlich erlaubten (und ggf. darüber hinaus) „diskutiert“.

Regelmäßig tritt das Problem auf, dass mit größerer Nutzerzahl auch mehr “Trolle” die Diskussionen für sich vereinnahmen wollten und am Ende viele Themen in immer die gleiche Richtung verschoben werden. Völlig unabhängig davon, wo es mal angefangen hat oder was Ausgangsthema war. Aus einer Diskussion über ein Objektiv wurde so schnell auch eine über den Irak-Krieg. Und damit eine, die wiederum die meisten anderen nicht sonderlich interessiert hat, da sie sich bewusst in einem Fotografie-Forum aufhalten wollten. So sind auch einige Mitglieder „verloren“ gegangen, die viel Fachkompetenz hatten und immer sachlich weiterhelfen konnten. Und zu denen ich auf anderem Wege, teilweise wieder klassisch per E-Mail oder Telefon, bis heute Kontakt habe.

Wie Sie es beschreiben ergeht es leider vielen (oder fast allen?) Diskussionsplattformen im Internet, sobald sie mehr als ein paar aktive Nutzer haben. Sehr schade, da ich gleichzeitig die Erfahrung gemacht habe, dass zumindest einige im realen Leben umgänglicher sein können als in der Online-Welt. Auch wenn es die Typ-Beschreibung von Markus Beckedahl (siehe Artikel oben) sehr gut trifft. Nach meiner Erfahrung sind das meist ca. 30-50jährige männliche Personen, die entweder freiberuflich mäßigen Erfolg haben (und sich eigentlich zu größerem berufen fühlen, wenn die Welt da draußen das nur erkennen und zulassen würde) oder Leute, die in großen Firmen oder im öffentlichen Dienst relativ abgeschieden in IT-Abteilungen oder anderen “niedrigrangingen” Service-Abteilungen ihr Dasein fristen (und für die das gleiche gilt). Offene Diskussionen über Troll-Probleme, Zensur usw. verlaufen sehr hitzig. Manchmal sorgen sie tatsächlich für kurzfristige Ruhe. Allzu oft ist die aber dann auch nicht von langer Dauer.

Im Blog netzpolitik.org gibt es umfangreiche Diskussionen darüber, wie man mit Kommentarfunktionen umgehen kann (z.B. “Einfach mal die Kommentare schließen?” v. 20.08.2012 oder “Kommentarfunktion neu entwickeln” v. 21.08.2012). Eine echte oder praktikable Lösung zeigt sich aber auch hier nicht. Es ist sehr stark vom Einzelfall abhängig, was sinnvoll ist. Und es hängt nicht zuletzt von den zur Verfügung stehenden Ressourcen (insbesondere Zeit, aber auch technische Möglichkeiten) ab, was realisierbar ist. Weil es hier fehlt, finden viele Diskussionen vermutlich gar nicht online statt, sondern landen doch wieder in klassischen Offline-Veranstaltungen, wo Kontrolle und Überblick einfacher zu gewährleisten sind und der Blick in die Augen des Gegenüber auch die Ernsthaftigkeit einer Äußerung einfacher erkennen lässt.

In der Stadt- und Raumplanung merke ich an vielen Stellen die Zurückhaltung mit Online-Medien. Beteiligung heißt hier oft, Informationen online bereitzustellen und Kommentare per E-Mail, Brief oder Telefon einzufordern. Erfahrung mit der Moderation von Online-Plattformen liegt bei öffentlichen Stellen oft nicht vor. Und gleichzeitig wenig Vertrauen oder wenig finanzielle Mittel für externe Dienstleister, die zur technischen Umsetzung auch gleich die Moderation und Kommunikation übernehmen. Das ist schade, da die klassischen Beteiligungsverfahren oft nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe erreicht. Allerdings ist auch nicht sicher, ob über das Internet eine zum Aufwand passende Erweiterung tatsächlich möglich ist.

Ich habe mich vor zwei Jahren dazu entschieden, die Verantwortung für die Plattform abzugeben. Wenn ich auch sonst viel zu tun hatte, blieb nur noch die Beschäftigung mit diesen Problemen und wenig Zeit für echte Fachdiskussionen zum Thema Fotografie. Zu vielen Mitgliedern habe ich weiterhin sehr guten Kontakt und ich kann dafür viel entspannter tatsächlich Fotografieren oder meine Ideen zu einem echten fotografischen Thema aufschreiben.

Zum Thema Netzgesellschaft hat sich Markus Beckedahl auch ausführlich in einem Buch beschäftigt: “Die digitale Gesellschaft: Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage” (mit Falk Lüke, dtv 2012).

Viele Grüße
Christian Lamker

PS: Zu diesem Beitrag gibt es natürlich auch eine Kommentarfunktion. Beiträge müssen aber durch mich freigeschaltet werden, da es immer wieder Spam-Bots schaffen, hier etwas einzustellen.

Hinweis: Zeitgleich veröffentlicht unter www.foto.lamker.de/?p=820.