Endlich Wachstum! – und dann?

Am 10. Januar 2019 durfte ich im Leihladen Bochum zu Gast sein und mit ca. 25 Gästen über die Grundlagen einer Postwachstumsplanung diskutieren. Die Diskussion war Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung “Endlich Wachstum!“, die im Dezember 2018 und Januar 2019 in den Räumen des Leihladens Bochum gezeigt wurde (www.leihladen-bochum.de). Nach einer halben Stunde Vortrag war die Frage für kleine Diskussionsgruppen, was Kernelemente einer wachstumsunabhängigen Strategie zur Innenstadtentwicklung in Bochum sein können. Hier vollzieht sich einerseits eine große Dynamik auch durch die wachsende Ruhr-Universität. Andererseits bleiben aber Defizite im Hinblick auf die Innenstadt als guter Lebens- und Aufenthaltsort. Gibt es eine Perspektive, die ohne wirtschaftliches Wachstum auskommen kann? Eine Perspektive, die gewünschte Veränderung ermöglicht, ohne neue Flächen zu beanspruchen?

Das Ruhrgebiet hat programmatisch eine lange Geschichte, ohne Wachstum zu denken. Nicht zuletzt hat die Internationale Bauausstellung Emscher Park von 1989-99 den Grundstein dafür gelegt, großräumige Veränderungen auch ohne Wachstum zu denken. Zugleich wirbt aber auch 2019 die Wirtschaftsförderung der Stadt Dortmund noch mit “Neues Wachstum in der Fläche mit Magnetwirkung!” und die Stadt Bochum sucht nach neuen Flächen für Investitionen. Eine Postwachstumsregion ist bisher nicht entstanden und auch nicht strategisch verankert worden. Dabei wird es – selbst im von Brachflächen durchzogenen Ruhrgebiet – immer schwieriger und problematischer, neue Flächen baulich in Anspruch zu nehmen. Auf hier fallen Freiflächen, Erholungsflächen, Biotopverbundflächen, klimatische Ausgleichsflächen usw. zugunsten von Wohn- und Gewerbegebäuden und Verkehrswegen weg.

Ausstellungsplakat “Endlich Wachstum!”

Aus der Postwachstumsdiskussion sind vielfältige Grundlagen vor allem aus der Ökonomie (z.B. Thomas Piketty, Niko Paech, Kate Raworth), der Soziologie (z.B. Hartmut Rosa) und der Psychologie (z.B. Erich Fromm, Harald Welzer) nutzbar auch für die integrierende Stadt- und Raumplanung. Nicht zuletzt arbeiten aktuelle Forschungen zu gesellschaftlicher Transformation und Nachhaltigkeit oft mit engen räumlichen Bezug (z.B. innerhalb des Wuppertal Instituts).

Mit breiter Grundlage und Arbeit aus vielen Disziplinen liegt heute nahe, die Brücke in Richtung Stadt- und Raumplanung in den Blick zu nehmen und über einzelne Initiativen und Ansätze hinaus die räumliche Perspektive auszukundschaften. Im Zentrum liegt hier begrenzter Boden. Nutzbare Flächen sind nicht vermehrbar und Nutzungsansprüche können und sollen immer weniger durch ein Wachstum von Siedlungs- und Verkehrsfläche befriedigt werden. In der Praxis ist ein vielfältiger Wunsch nach Veränderung feststellbar. Planungspraxis ist komplex, vielleicht schwieriger denn je. Begriffen wie NIMBY (Not In My BackYard), LULU (Locally Unwanted Land-Use) oder BANANA (Build Absolutely Nothing Anywhere Near Anybody) stellen Planerinnen und Planer vor schwierige Herausforderungen. Es fehlen geeignete Handlungsansätze und Rollenverständnisse, mit denen das Ziel eines guten Lebens für alle besser fokussiert werden kann und die Prozessführung einer gesellschaftlichen und räumlichen Transformation ermöglicht wird. Das geht nur mit sichtbarer räumlicher Veränderung und braucht Planung, aber braucht Veränderung auch Wachstum? Schwierige Schnittstellen liegen entlang der Verhandlung wechselnder Ansprüche, der Umsetzung einer gemeinsamen Aufgabe in verteilter Verantwortung und dem raumbezogenen Handeln vieler Akteure und Organisationsformen.

Ein grundsätzlicher Konflikt, vielleicht auch ein Generationenkonflikt, dreht sich um die Abgrenzung von Planung. Ist Planung ein zielgerichtetes und klar strukturiertes Vorgehen einer öffentlichen Verwaltung im Sinne einer Problemlösung? Oder ist Planung ein Prozess der gemeinsamen Organisation von Nutzungen des begrenzten Raums? Viele lokale und regionale Initiativen weiten bereits den Begriff aus, wer und wo räumlich geplant wird. Die institutionalisierte Stadtplanung bietet viele Instrumente, mit denen ein veränderter (Stadt-)raum ermöglicht werden kann. Jede reale Veränderung ist aber auch das Werk anderer Akteure. In wachstumsorientierter Stadtentwicklung vor allem Eigentümer von Grundstücken und Gebäuden, Immobilienunternehmen und Investoren. In wachstumsunabhängiger Stadtentwicklung aber zunehmend auch kollektive Organisationsformen wie Genossenschaften, Vereine, lokale Initiativen und Personen der Zivilgesellschaft. Wir sehen dort im Kleinen bereits etwas wie eine “Wende zur Aktion”. Zwei Konfliktlinien überkreuzen sich und fordern nach weiterem Nachdenken. Einerseits ist vor dem Hintergrund des Themas Postwachstum ein starker Wunsch nach grundsätzlichen und mitunter radikalen Alternativen vorhanden, der sich auch in einem Vortrag widerspiegeln soll. Zugleich führt die Diskussion anhand von praktischen Beispielen aber wiederum schnell zu kleinen Anpassungen und kleinteiligen Optimierungen des Status Quo.

Endlich Wachstum! Aber was wäre, wenn wachstumsunabhängige Planung das Ziel wird? Es fällt schwer, eine klare Antwort zu geben. Was eine Stadtentwicklung ist, die diesem Anspruch gerecht wird, kann nur sehr konkret in abgegrenzten Einzelfällen immer wieder neu ausgehandelt werden. Es ist unser aller Verantwortung, danach zu suchen. Und die Verantwortung von Planerinnen und Planern, für diese Suche zu motivieren, zu inspirieren und die Diskussionen zu führen.

Für mich war der Termin in Bochum eine spannende Erfahrung und ich freue mich auf die Fortsetzung bei neuen Gelegenheiten. Danke an das Team von Botopia (www.botopia.org), Leihladen Bochum (www.leihladen-bochum.de) und an alle Anwesenden!

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